Warum die Schlüsselblume keine Schätze mehr erschliesst

 

Als es auf der Welt noch Feen gab, besass die Schlüsselblume Zauberkraft. Wer sie im richtigen Augenblick pflückte, dem brachte sie Glück.

 

Einst trieb ein Schäfer zu Frühlingsanfang seine Schafe auf die Weide, und als die Herde zu grasen begann, erblickte er nahe bei einem Felsen ein Büschel blühender Schlüsselblumen.

 

Er pflückte die grösste und schönste und steckte sie an seinen Hut. Nach einer Weile wurde der Hut merkwürdig schwer. Der Schäfer setzte ihn ab und blieb wie angewurzelt stehen. Statt der Blüte trug er einen Schlüssel aus purem Gold hinter dem Hutrand. Als er den Schlüssel in die Hand nahm, erschien im selben Augenblick, wie vom Wind her geweht, eine wunderschöne Fee.

 

"Fürchte dich nicht", sagte sie. "Der Schlüssel wird dir Glück bringen. Lege ihn hier auf den Felsen. Der Stein wird sich auftun, und du wirst alle Schätze der Erde erblicken. Nimm davon, soviel du willst, doch gib acht, dass du das Beste nicht vergisst." Der Schäfer wusste nicht, ob er träumte oder wachte. Er trat zu dem Felsen, legte den Schlüssel darauf, und eine unterirdische Grotte öffnete sich, strahlend und glitzernd von Gold, Silber und Edelsteinen, dass ihm die Augen übergingen. Schnell breitete er seinen Kittel aus und packte von den Reichtümern darauf, soviel er tragen konnte. Dann warf er sich das Bündel über die Schulter und verliess die Grotte. Aber das Wichtigste, den goldenen Schlüssel, liess er zurück. Seither erschliesst die Schlüsselblume die Schätze der Erde nicht mehr. Und auch die Feen, die sich den Menschen zeigten, wurden nicht mehr gesehen.

 

Märchen aus Deutschland

aus: Warum die Bäume nicht mehr sprechen können; Dausien Verlag