Ein Märchen zum Nachdenken

Die Herrin des Feuers

 

Die Geschichte soll sich vor langer Zeit zugetragen haben. Sie trug sich zu in einer Siedlung mit sieben Tschums, in denen sieben Familien lebten. Eines Tages trafen sich alle Männer, um auf die Jagd zu gehen. Sie machten sich auf den Weg. Nur die Frauen und Kinder blieben im Lager zurück. Drei Tage lebten sie allein, und alles war gut. Am dritten Tag aber, gegen Abend, geschah etwas,  in einem der Tschum  wollte die Frau Essen zubereiten. Sie warf reichlich Holz in den Herd und hängte den Kessel mit Rentierfleisch über das Feuer.

Dann setzte sie sich mit ihrem kleinen Kind nahe dazu. Das Kind lachte auf ihren Knien und die Frau lächelte ihm zu. Plötzlich knackte ein Scheit, Funken stoben aus dem Herd, und ein Funke flog dem Kind auf die Hand. Das Kind begann zu weinen. Die Frau machte dem Feuer Vorwürfe: "Warum tust du das Ich füttere dich mit Holz und versorge dich, und du fügst meinem Kind Schmerzen zu." Das Kind erschrak aber der heftigen Worte seiner Mutter und weinte noch lauter. Die Frau trug es durch den Tschum und wiegte es auf den Armen, doch es gab keine Ruhe. Vor Mitleid und Ärger versetzte sie ihm einen Klaps. Da geriet das Kind ganz ausser sich. Die Frau hätte sich selbst die Schuld geben sollen, aber wie war auf das Feuer böse.

"Da siehst du, was du angerichtet hast", schrie sie ganz ausser sich. "Jetzt bekommst du kein Holz mehr, ich werde dich auseinander schlagen und mit Wasser begiessen." Sie legte das Kind in die Wiege und griff nach der Axt. Damit schlug sie auf das Feuer ein. Dann schöpfte sie einen Krug voller Wasser und goss es in den Herd. Zischend erlosch das Feuer. "Das hast du davon, meinen Sohn zu erschrecken", sagte die Frau. "Nun ist kein Flämmchen, kein Fünkchen mehr von dir übrig." Das Feuer brannte nicht mehr. Im Tschum wurde es dunkel und kalt. Das Kind weinte kläglich. Es fror. Da besann sich die Frau. Sie beugte sich über den Herd, scharrte die Asche auseinander. Aber sie hatte selbst gesagt, kein Fünkchen sei übrig geblieben. So war es auch. Der Sohn weinte und weinte. Ich werde ins Nachbarszelt laufen, Feuer holen und den Herd wieder anzünden, dachte die Mutter. Sie rannte los. Kaum aber trat die sie bei den Nachbarn ein, da zuckte bei ihnen im Herd das Feuer und sank in sich zusammen. Die letzte blaue Flamme liess ein Rauchwölkchen aufsteigen und erlosch. Die Frau lief zu den anderen Nachbarn. Kaum aber öffnete sie die Tür, da erlosch auch bei ihnen das Feuer. Sie trat gar nicht erst ein, sondern schloss die Tür gleich wieder zu. So ging sie durch die ganze Siedlung, überall erlosch das Feuer. Nun brannte es nur noch im letzten Tschum. Hier aber wohnte eine Greisin, die war schon lange auf der Welt. Sie wusste viel, hatte viel gesehen. Die Frau stand vor ihrem Tschum und fürchtete sich einzutreten. Doch was sollte sie tun? Ihr kleiner Sohn würde erfrieren. Sie trat ein. Das Feuer loderte qualmend auf und erlosch. Die Frau brach in Tränen aus. Die Greisin scharrte die Asche auseinander und suchte, ob nicht noch ein glimmendes Kohlestück übriggeblieben sei. Sie fand jedoch kein Fünkchen. Das Herdloch war kalt und schwarz. "So etwas hat es noch nie gegeben", sagte die Greisin. "Ich hüte das Feuer gut und füttere es reichlich. Wenn ich zu Bett gehe, decke ich die Glut mit Asche zu. Warum ist das Feuer erloschen? Bist du am Ende Schuld, du kalte Unke? Hast du vielleicht das Feuer in deinem Herd beleidigt?" Die

Frau liess den Kopf hängen und schwieg. "So ist es also", sagte die Greisin. "Was machen wir jetzt? Wir wollen in deinen Tschum gehen und nachschauen." Beide verliessen den Tschum und gingen durch die Siedlung. Überall war es still und dunkel. Es war, als hätten die Menschen sie verlassen, als wäre sie ausgestorben.

Im Tschum der Frau hatte das Kind sich müde geweint, es konnte nicht mehr schreien. Die Greisin nahm ein Stück harziges Holz und versuchte, Feuer zu reiben. Lange mühte sie sich ab, doch kein Feuer flammte auf. Da liess die Alte die müden Hände sinken und sagte zu der Frau: "Heilig ist das Feuer im Herd, es gibt uns allen Leben. Es leuchtet, wärmt und nährt. Wenn das Feuer erlischt, ist es, als wäre die Sonne erloschen. Wir müssen frieren und eines bösen Todes sterben."

Die Greisin kniete nieder, und da sah sie die Herrin des Feuers in einem Herdwinkel sitzen. Ihre Kleidung war grau wie Asche, ihre Haut schimmerte wie aschebedeckte Kohlenglut. die Herrin des Feuers wiegte sich vor und zurück und sagte zu der Greisin: "Gib dir keine Mühe. Ihr werdet kein Feuer mehr haben. Die Frau hat mich gar zu sehr beleidigt. Sie hat mir die Axt ins Gesicht geschlagen, sie hat mir Wasser in die Augen gegossen, sie hat böse Worte gerufen." Die Greisin verlegte sich aufs Bitten: "Zürne uns nicht, Herrin des Feuers. Erbarme dich unser. Diese dumme Frau ist Schuld, die anderen können nichts dafür."

Die Herrin des Feuers schüttelte den Kopf, ihre Haare umwallten sie blauer Rauch. Noch einmal flehte die Greisin: "Sage uns, war tun müssen, damit wir wieder Feuer in unseren Herden brennt. Wir werden alles ausführen, was du uns befiehlst."

Die Herrin des Feuers antwortete: "Ich nicht und ihr nicht, niemand hat die Worte oder die Kraft, das Feuer wieder brennen zu machen wie zuvor. Nur ein Menschenherz kann es erneut entzünden."

Die junge Frau sass da, drückte ihr Kind an die Brust und weinte. Die Greisin sagte zu ihr: "Siehst du nun, was du angerichtet hast? Alle sieben Familien müssen wegen dir unvernünftiges Weib zugrunde gehen. Jäger so kühn wie ergrimmte Bären und stark wie Elche, werden sterben. Fleissige Frauen werden an ihrem kalten Herd hinsiechen. Kleine Kinder, alte Männer und Frauen, alle werden umkommen. Es gibt kein Leben ohne Feuer." Die Tränen der Frau waren getrocknet. Sie stand auf, gab das Kind der Greisin und sagte: "Behüte es gut." Und sie stürzte sich auf die Herdsteine. Die Herrin des Feuers legte ihr die Hand aufs Herz. Sogleich stieg eine Flamme empor. Das Feuer brodelte und bullerte im Herd. Die Greisin sah noch die Herrin des Feuers die Frau in ihre Flammenarme nehmen und mit den Funken durch die Rauchöffnung verschwinden. Da sprach die Greisin: "Von diesem Tschum aus wird die Legende ausgehen, wie sich das Feuer an einem lebendigen Herzen entzündete. Für alle Zeiten werden sich die Selkupen an das erinnern, was in unserer Siedlung geschah. Sie werden Herd im Feuer hüten.

 

Selkupenmärchen

aus: die Kranichfeder, N. Gesse, S. Sadunaiskaja, Kinderbuchverlag Berlin

 

Tschum ist eine Behausung, welches aussieht wie ein Tipi, es ist aber mit grossen Stücken aus Rinden umstellt.